Kapitel 1: Einleitung

Es wissen alle außer den Berlinern: Diese Stadt ist provinziell und kleinkariert. Auch wenn sich ihre Provinzialität vom dumpfen Ressentiment kleiner Leute, die samstags am Ku’damm Currywurst essen, in den letzten Jahrzehnten zu einer vorgeblich weltmännischen Überheblichkeit gewandelt hat. Gleich süddeutschen Dörfern, von denen jedes sich das schönste nennt, meint Berlin, es sei die Weltmetropole schlechthin. Was sollen die Berliner auch anderes meinen, sie kennen ja nicht viel mehr. Lokalpolitiker und Abendschau-Reporter nudeln es ihnen permanent ein. Die Piefigkeit der eigentlichen Berliner vermischt sich mit dem Stolz der zugezogenen Provinzler, der Provinz entkommen zu sein. Dass das Essen woanders besser ist, die Menschen sich gewählter artikulieren können oder keine Scheiße auf der Straße liegt – egal. Man ist in Berlin, das reicht schon, um sich aufzuschwingen. Wer da nicht mitmacht soll doch wegziehen. Früher sollte man nach drüben gehen. Berlin ist wichtiger, bedeutender und moderner. Weil es Berlin ist.

Und Berlin ist so tolerant. Meinen Berliner und das Stadtmarketing. Diese Toleranz ist in Wirklichkeit nur eine gewisse Sorte Ignoranz, ja, Verwahrlosung. Da interessiert es den gemeinen Berliner nicht, ob sein Nachbar vielleicht schwul ist. Oder Türke. Es interessiert ihn aber auch nicht, wenn der Nachbar tot in der Wohnung nässt.

Um festzustellen, dass dem Berliner, ob nun alteingesessen oder zugezogen, seine Stadt egal ist, reicht ein sonntäglicher Gang durch einen innerstädtischen Park. Was woanders als Müllkippe gelten würde, ist hier Naherholungsgebiet. An den Wochenenden wird mit offenem Feuer hantiert und billigstes Fleisch verkohlt. Das passiert, sobald es über 19 Grad warm ist. „Angrillen“ heißt dieser primitive Brauch. Das wird dann durchgehalten bis Oktober. Wo Fleischreste, Glasscherben und Müll in einem Gewaber von Rauch und Uringeruch aufgeschichtet werden, da fühlt sich der Berliner wohl und badet in der Sonne. Weltstadt heißt, sich schlecht angezogen auf der Müllhalde zu regenerieren. Oder zu chillen, wenn man unter 45 ist.

Wenn es einem im Park zu grauslich ist, reicht zur Anschauung auch schon ein Spaziergang durch einen Innenstadtbezirk. Man wird sehen, dass es in Berlin keine Scheu gibt, sein Gerümpel einfach auf dem Gangsteig zu entsorgen. Fernseher, Kühlschränke oder Möbelstücke – alles, was nicht mehr gebraucht wird, schmeißt man auf die Straße. Irgendwer wird es schon wegräumen. Und wenn nicht? Dann bleibt’s halt liegen. Das ist so in einer Weltmetropole. Kennt man ja auch aus dem Zentrum von Paris, dass die Leute ihre nach Hund riechenden Möbel vor die Haustür stellen. Nach der Weihnachtszeit ist es besonders reizvoll. Da schmeißen die Leute ihre alten Weihnachtsbäume einfach vom Balkon. Denn die Stadtreinigung hat zuvor bekannt gemacht, dass sie an bestimmten Tagen in bestimmten Straßenzügen unterwegs sein wird, um die Bäume einzusammeln. Natürlich interessiert keinen, ob da wirklich etwas eingesammelt wird. Die Stadtreinigung kommt mit dem Einsammeln auch gar nicht hinterher. Zumindest nicht, wenn es im Winter schneit, weil sie dann damit beschäftigt ist, mit dem Schneeräumen nicht hinterher zu kommen.

Überhaupt Schnee. Oder Regen. Oder Hitze. Wenn eines dieser Phänomene auftritt, gerät die Weltstadt ins Wanken. Dann kann es passieren, dass der öffentliche Nahverkehr zusammenbricht. Wobei das auch an normalen Tagen passieren kann. Bei Hitze ist es nur ganz besonders unangenehm, weil man dann mit verschwitzen Leuten in der überfüllten Bahn stehen muss, die irgendwo auf der Strecke hält. Im Winter ist das genauso unangenehm, weil die Leute in den überheizten Waggons ebenso verschwitzt wie im Sommer sind. Unangenehm ist es auch abends und am Wochenende, wenn man mit der Tram fahren muss, die Weltstadt-Bewohner und Weltstadt-Touristen vollgespieben haben. Säuerlicher Gestank – Weltstadtgestank – gehört zu Berlin. Ebenso wie depperte Busfahrer, Stuss redende Taxifahrer, neurotische Studenten und Idioten, die mit dem Fahrrad U-Bahn fahren und zu blöd sind, ihren Rucksack abzunehmen.

Ja, es gibt so viele Beispiele der Berliner Ignoranz. Um diese soll es in diesem Essay gehen. Die Themen werden dabei völlig willkürlich gewählt. Die Beschreibungen entspringen der jahrelangen Beobachtung des Verfassers und sind rein subjektiv.
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