Kapitel 10: Ochsenblut

Als zeitgenössische Publikation mit dem Ohr am Puls der Zeit wollen wir uns der jahreszeitlich bedingten Stimmung selbstverständlich nicht verwehren und nun, wie alle anderen auch, eine der wohl größten Berliner Demonstrationen von Unkultur behandeln: Das, was gemeinhin als „Weihnachtsmarkt“ bezeichnet wird. Auch wenn Berlins Heimatreporter, die sechs Wochen lang über alle möglichen Märkte schlurfen, um mit der Berichterstattung darüber ihr karges Zeilenhonorar zu erwirtschaften, es anders beschreiben – Berlins Weihnachtsmärkte sind alle gleich. Ohne Ausnahme. Immer stehen da heimatfilmartigen Berghütten nachempfundene Buden herum, aus denen heraus fabrikerzeugtes Naschwerk, langweiliges Holzspielzeug und überteuerte Winterbekleidung angeboten wird. Weiterhin wird fettiger Fraß gereicht und die Umgebung riecht nach Erbrochenem.

Der eigentliche Grund, warum die Berliner scharenweise von Ende November bis Ende Dezember diese trostlosen Zusammenkünfte besuchen ist jedoch, wie so oft, die Möglichkeit unter freiem Himmel zu saufen. Es steht zu vermuten, dass die so genannten Weihnachtsmärkte in Wirklichkeit nur installiert wurden, um Betriebs- und Amtsbelegschaften einen willkommenen Vorwand zu geben, sich wenigstens zeitweise schon nachmittags in trauter Eintracht zu betrinken und nicht, wie den Rest des Jahres, alleine im Büro. Und mit was betrinkt sich der gemeine Berliner, wenn keine Bierflasche zur Hand ist? Mit diesem Zeug, welches der volkstümliche Euphemismus „Glühwein“ getauft hat.

Wenn früher, in der alten Zeit, beim Bauern Schwenker ein Ochse geschlachtet wurde und das arme Vieh zunächst ausbluten musste, kam Oma Schwenker mit einer verbeulten Emaille-Schüssel angewackelt und fing darin das Blut auf. Weil Oma Schwenker nicht mehr ganz auf der Höhe ward, vergaß sie manchmal, dass das aufgefangene Blut weiter verwendet werden sollte. Sie ließ die Schüssel an der Hofmauer stehen, dort, wo manchmal die Ziegen hinmachten. Mit der Hygiene hatte man es ja nicht so in der alten Zeit. Das Blut gammelte in der Schüssel eine Weile vor sich hin, die zwei Hofhunde hielten ihre Schnauzen hinein und mit der Zeit wurde der Inhalt der Emaille-Schüssel recht unansehnlich. Würde dieses verschnauzte Ochsenblut erwärmt, es käme nah an den Glühwein der Berliner Weihnachtsmärkte heran. Natürlich nur vom visuellen Eindruck her. Geschmacklich wäre verschnauztes Ochsenblut dem Glühwein wohl vorzuziehen. Wenn Sie sich schon einmal nach dem übermäßigen Genuss von Tiefkühllasagne und Rotweinverschnitt ungeschickt – also teilweise durch die Nase – übergeben haben, dann haben Sie eine recht genaue Ahnung von den geschmacklichen Nuancen dieses weihnachtsmarktlichen Gesöffs. Sie müssen sich nur noch weihnachtsmarktliche Gewürze hinzudenken. Also Zimt halt.