Kapitel 2: Wir fahren durch Berlin

Reist man nach Berlin, kann es passieren, dass man am Flughafen Tegel ankommen muss. Hat man nach seiner Ankunft tatsächlich all sein Gepäck wieder bekommen und musste sich nicht an einem Beschwerdeschalter anstellen, kann man versuchen, irgendwie von dort wegzukommen. So man nicht mit dem Auto abgeholt wird, bleiben zwei Möglichkeiten. Man kann mit dem Bus oder mit dem Taxi fahren. Denn das Weltstadtniveau Berlins zeichnet sich auch dadurch aus, dass einer der zwei Flughäfen der Stadt nicht an das S- oder U-Bahn-Netz angeschlossen ist. Mit der Bahn ist er ebenfalls nicht zu erreichen. Die Flughäfen in Stuttgart oder Friedrichshafen sind hier besser aufgestellt aber dort gibt’s dafür keinen lustigen Currywurst-Stand. Kommt man jedoch erst spät abends vom Beschwerdeschalter weg, kann es sein, dass keine Busse mehr fahren. Weil wieder irgendwo eine Baustelle aufgetaucht ist. Oder weil irgendwas bei den Verkehrsbetrieben nicht stimmt. Oder weil es geschneit hat. Oder einfach so.

Also rein ins Taxi. Das ist ab Tegel gleich extra teuer. Denn Berlin ist zwar stolz, dass der Flughafen innerhalb der Stadt liegt und so schnell erreichbar sei, trotzdem muss man aus irgendwelchen Gründen einen Zuschlag zahlen, um von Tegel wegzukommen. Wenn man viel Glück hat, erwischt man einen Fahrer, der Manieren hat und nicht allzu dummes Zeug redet. Und der nicht während der Fahrt an seinem Smartphone herumspielt, sondern sich auf den Verkehr konzentriert. Den Taxifahrern Berlins wird augenzwinkernd nachgesagt, sie hätten „Berliner Schnauze“. Das ist ein Ausdruck aus den Zeiten Günter Pfitzmanns, in der man in der Kneipe noch Molle mit Korn soff und nicht Augustiner. Der Ausdruck soll vermitteln, dass, wenn jemand in larmoyantem oder latent aggressivem Tonfall seine öden Lebensweisheiten zum Besten gibt, dies eine besondere Art der Geradlinigkeit sei. Woanders würde man so ein Auftreten als unangenehm aufdringlich empfinden. Am besten ist, man hört nicht hin. Wenn man hinhören würde, bekäme man gesagt, dass es die Taxifahrer ja nicht leicht haben. Deswegen wahrscheinlich der Tegel-Zuschlag. Und dann die ganzen Radfahrer, die den Taxifahrern das Leben schwer machen. Und die Politiker erst. Die machen allen Menschen und besonders den Taxifahrern das Leben schwer. Die Vorträge von Berliner Taxifahrern über Politik haben das Niveau, das Auslassungen von beunterhemdeten Kleingärtnern über die Aufstellung der Nationalmannschaft haben.

Aber um während der Fortbewegung Unsinn zu lauschen, braucht es gar keine teure Taxifahrt. Wenn man doch einmal einen Bus erwischt hat, reicht es, sich hinter zwei Berliner mittleren Alters zu setzen. Es muss eigentlich nicht direkt dahinter sein, normalerweise unterhalten sich die Leute laut genug, so dass man sie auch von weiter entfernten Sitzplätzen gut versteht. Berlin wäre nicht Berlin, würden nicht alltägliche Verrichtungen wie Bus-, U-Bahn- oder Tramfahren zu einer mondänen Handlung stilisiert. Hierzu haben die Verkehrsbetriebe sich eine eigene Kampagne ausgedacht. Und Berlin wäre nicht Berlin, wenn Pünktlichkeit und Zustand der Verkehrsmittel mehr interessieren würden, als die fesche Reklame für’s Busfahren. Der Bus mieft, aber die Reklame ist gut, denken die Berliner. Die machen so lustige Plakate und twittern sogar! In einem Reklamevideo der Verkehrsbetriebe kam tatsächlich der Satz vor: „Der Sitz so warm wie der wärmste Bruder.“ Da haben die Hornbrillenträger der Werbeagentur sicher richtig laut geprustet, als sie auf diese Idee gekommen sind. Hoho, in Berlin gibt’s Schwule, hihihi Schwule. Was mögen das nur für Leute sein, in dieser Agentur? Wahrscheinlich BWL-Spießer unter 40, die mit Turnschuhen zur Arbeit gehen und das für fresh halten. Solche Leute, die früher bei lokalisten.de waren. Es gab auch mal einen unheimlich schlechten, durch die Nase rezitierten Reklame-Rap mit dem Titel „Is mir egal“. In dem Stück ging es darum, dass es einem Kontrolleur der Verkehrsbetriebe gleichgültig sei, wenn in der Bahn Zwiebeln geschnitten werden, man sich aber bitte einen Fahrschein kaufen möge. Ganz sicher unbeabsichtigt brachten die Macher mit diesem Video die typische Berliner Melange aus Ignoranz und Autoritätshörigkeit auf den Punkt. Die biedere Flapsigkeit der Verkehrsbetriebe gilt in Berlin als selbstironisch. Und deshalb als modern. Was will man auch erwarten in einer Stadt, in der der tantige Newsletter einer Tageszeitung ebenfalls als innovativ gilt.

Genug vom Busfahren. Stellen wir uns nun ein kleines, gut geheiztes Badezimmer vor, in dem ganz viel ganz heiß geduscht wird und das nie gelüftet wird. Stellen wir uns weiterhin vor, dass in diesem Badezimmer irgendwelche Parfümproben ausgelaufen sind und etwas mit dem Abfluss nicht stimmt. In unserer Vorstellung drängen sich in diesem Badezimmer nun Gestalten in schwitzigem Tuch, die mit ihrem fauligen Odem die Umgebung behauchen. Diese Vorstellung kommt recht nah an die Realität einer Fahrt mit der S-Bahn morgens um halb acht ab Ostkreuz. Sie kommt nur nah an die Realität, weil zu dieser fehlt noch der neurotische Student, der sich unterwegs mit dem Fahrrad dazu quetscht, um zwei Stationen mitzufahren. Auf dem Gepäckträger liegt eine durchsichtige Stabi-Tüte. Wahrscheinlich fährt er ins Grimm. Alle Studenten fahren ins Grimm, um dort Cappuccino zu trinken. Gut an der Berliner S-Bahn war einst dieser weißbärtige Jesus-Opa mit seinem kleinen Koffer. Ich weiß gar nicht, ob der noch lebt und S-Bahn fährt. Er war gut, weil er stets lächelte und ruhig war. Dem Jesus-Opa wäre es nie eingefallen, sich sein Telefon statt ans Ohr vors Gesicht zu halten und Einkaufslisten hinein zu blöken. Der Jesus-Opa wäre auch nicht während des Aussteigens blöd glotzend in der offenen Tür stehen geblieben. In Berlin bleibt man, wenn man die genaue Richtung nicht kennt, einfach im Weg stehen und glotzt. Einheimische machen das, weil sie schlecht erzogen sind. Touristen machen das, weil sie genauso blöd sind. Woher man weiß, ob einem ein Einheimischer oder ein Tourist im Weg steht? Touristen haben frische Kleider an und tragen Trekkingschuhe.


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