Kapitel 3: Gunnar Schupelius

Kennen Sie den Gunnar Schupelius? Ich nicht. Nicht persönlich. Der Gunnar Schupelius, das ist so eine Art Reporter und der schreibt so eine Art Kolumne in dem Berliner Latrinenblatt „BZ“. „Mein Ärger“ heißt die Rubrik. In den Texten geht es um die Politiker, die immer alles falsch machen in unserem Berlin. Die Politiker sind in diesen Stücken entweder Grüne, die keine Ahnung haben, oder Konservative, die sich nicht durchsetzen können. Oder Linke. Bei denen schaudert es den Gunnar Schupelius. Die Themenwahl ist beim Gunnar Schupelius ganz willkürlich: armes Berlin, linke Staatsfeinde, arme deutsche Sprache, Blumenbeete am Tauentzien, arme Polizisten, Asylbewerber, arme Autofahrer, Wowereit. Und: arme Polizisten. Über Schupelius‘ Kolumne fluoresziert die Vorstellung eines Ideal-Berlins (West), das vielleicht so um 1965 existierte. Wo es noch eine Attraktion war, wenn der Zirkus in die Stadt kam und wo man im Sommer an den Wannsee fuhr. Wo der Italiener noch Gastarbeiter war oder eine Eisdiele hatte. Und wo wir nicht Angst haben mussten vor Russen, Chaoten und Grünen. Machte man eine Lesung seiner Texte, der Vortrag müsste gebellt werden.

Was mag das für einer sein, der Gunnar Schupelius? Auf dem Foto zur Kolumne ist ein mittelalter Herr abgebildet. Biedere Brille, biedere Frisur. Ja, was mag das für einer sein? Vielleicht so einer, der sich schon beim Frühstück ärgert. Weil die Politiker wieder nicht das gemacht haben, was der gesunde Berlinverstand vorgibt. Einer, der sein Roggenmischbrot dabei wütend kaut und mit bitterem Kaffee hinunterspült. Einer, der früher Leserbriefe geschrieben hätte. Ja, so einer könnte das sein, der Gunnar Schupelius.

Oder so einer, der den Schlüssel abends zweimal rumdreht, weil man ja nie weiß. Einer, der das Treppenhaus durch den Türspion beobachtet. Ganz leise. Einer, der sich merkt, wann die Nachbarn zuletzt ihre Fußmatte ausgeklopft haben, und der im Treppenhaus ganz verkniffen schaut, wenn jemand entgegenkommt. So als ob er Magenbeschwerden hätte. Einer, der in einem Lankwitzer Biergarten Fußball-Endspiele schaut und dazu ein „gepflegtes Pils“ bestellt. Einer, der „Mon Chéri“ verschenkt und zu Kondomen „Pariser“ sagt. Einer, der Samstag-Mittag in der Fußgängerzone Bratwurst isst. Jeden Samstag. Schon seit 1965. Einer, der an der Kasse demonstrativ passend zahlt, weil er das Recht dazu hat. Einer, bei dem Zinnteller hängen, und der noch Peter-Alexander-Schallplatten irgendwo in der Schrankwand stehen hat. Einer, dessen Hemd immer verschwitzt aussieht. Ja, so einer könnte das sein, der Gunnar Schupelius.

Oder so einer, der seinen Weihnachtsmarktbesuch als verbissenes Zeremoniell absolviert, und bei dem an Heilig Abend Stille Nacht gesungen werden muss. Einer, der dem Flüchtling gerade noch das Nötigste gönnt. Einer, der sich polnische Räuberbanden in seinem Garten vorstellt und dabei einscheißt. So einer, der er noch Angst vorm Kommunisten hat. Einer, der dem Schutzmann immer glaubt und „Held“ meint, wenn er „Soldat“ sagt. Einer, dessen Atem sauer riecht. Einer, der in früheren Zeiten auch nur seine Pflicht getan hätte. Doch doch, so einer könnte das sein, der Gunnar Schupelius.


Im Gegensatz zu Gunnar Schupelius hat Cornelius Moldau substantielle Kritik an Berlin. Dieses Essay kann nur durch und Dank Ihrer Unterstützung existieren. Von Ihrer Unterstützung werden keine Bratwürste erworben. Versprochen.