Kapitel 5: Sonntagstraße

Zur Sonntagstraße kommt man, wenn man am Bahnhof Ostkreuz am Wurststand rausgeht. Die Straße, die schön sein könnte, beginnt hier und geht dann nach wenigen hundert Metern in die Wühlischstraße über. Feinfühlige Menschen sehen zu, dass sie schnell fort kommen. Denn ein Gang durch die Sonntagstraße gleicht einem Spießrutenlauf. Auf der einen Seite ist der Bürgersteig vollgestellt mit klebrigen Bierbänken der Kneipen und Bierläden. Man muss aufpassen, dass man nicht in Scherben tritt. Auf der anderen Straßenseite zu gehen ist ebenso unerfreulich. Hier stehen zwar keine Bierbänke aber man muss an Parkbänken vorbei, auf denen sich aus der Flasche trinkendes Jungvolk niedergelassen hat. Man muss aufpassen, dass man nicht in Scherben tritt. Das Jungvolk ergötzt sich an einfacher Musik aus im Rückenbeutel verborgenden Lautsprecherboxen. Im Park selbst hingegen trommeln Studenten, die das für weltläufig halten. Überhaupt dieser Park. Sobald es einigermaßen schönes Wetter hat wird sich darin im Müll gewälzt. Der Bezirk hat bei der Anlage des Parks selbstverständlich nicht bedacht, dass das Sonntagstraßenklientel von morgens bis abends mit Saufen beschäftigt ist. Dass sich daraus menschliche Bedürfnisse ergeben, kann man sich im Bezirksamt wahrscheinlich nicht vorstellen. Deshalb gibt es weit und breit keine Toilette. Ordnungsamt und Polizei sehen stillschweigend darüber hinweg, dass die Vegetation im Park und seiner Umgebung kubikliterweise mit Urin durchtränkt wird. Dass die Berliner Polizei da nicht sensibel ist, verwundert allerdings auch nicht, wenn man sich anschaut, wie sich Berliner Polizisten zum Beispiel am Rande ihres G20-Einsatzes in Hamburg benommen haben. Ich denke, wir widmen der Berliner Polizei irgendwann ein eigenes Kapitel.

Der Kaffee in den Cafés der Sonntagstraße schmeckt immer gleich. Eben so, wie man sich in Berlin Kaffee vorstellt: Siedend heiß, bitter und von einer Qualität, die die Magenschleimhaut angreift. Da er zumeist mit einem kleinen Kännchen angewärmter Milch serviert wird, kommen sich Einheimische und Touristen kultiviert vor. Dabei sollte doch jeder wissen, dass Bohnenkaffee mit Milch zu konsumieren vergleichbar ist dem Verschlingen kalter Ravioli aus der Dose. Wenn man des weiteren die Etablissements in dieser Straße als Restaurants bezeichnen wollte, so ist den dort angebotenen Gerichten eines gemein: Überall ist Rucola drauf. Stinkt der Burger oder ist die Pizza vom Vortag? Einfach Rucola drüber, die Leut werden’s fressen. Was beim Kaffee die angewärmte H-Milch, ist beim Essen der Rucola. In Berlin wird gastronomische Kultur mit Kuhfraß, mit Unkraut wie Rucola simuliert.

Neben den normalen blöden Leuten ist in der Sonntagstraße, zumeist am Wochenende, ein ganz besonderer Menschenschlag anzutreffen. Es handelt sich um Mitbürger, die, das vermuten wir, in den trostlosen Randbezirken Berlins ein ebenso trostloses Dasein führen. Gerät man dort ins heiratsfähige Alter, wird sich einfallslos kostümiert, mit Kleiner Feigling vorgeglüht und dann zum Saufen nach Friedrichshain gefahren. In der Sprache der Primitiven heißt das Ritual „Junggesellenabschied“. Diese Gruppen bewegen sich grölend und kreischend durch die Sonntagstraße in Richtung ihres eigentlichen Ziels, der Simon-Dach-Straße. Die Simon-Dach-Straße ist einer der ekelhaftesten Orte Berlins. Dante hätte sie, so es im mittelalterlichen Florenz eine Simon-Dach-Straße gegeben hätte, als eine seiner Vorhöllen beschrieben. Die Simon-Dach-Straße ist ein Inferno aus Bierbänken, Betrunkenen und Retorten-Bars. Und laut ist es. Weil man sich ja in Berlin nicht würdig betrinken kann, sondern dabei rumbrüllen muss. Der Bezirk ließ sich jedoch etwas einfallen und engagierte für eine Weile Pantomimen. Die Pantomimen sollten durch die Simon-Dach-Straße staksen und den Besoffenen mit pantomimischen Gesten klar machen, dass sie doch ein bisschen auf die Lautstärke achten sollten. Man wußte damals gar nicht, mit wem man mehr Mitleid hatte: Mit den Besoffenen, vor deren aufgedunsenen Gesichtern die Pantomimen herumgestikulierten, oder mit den Pantomimen, die von den Besoffenen sicher eine ins Maul bekommen haben. Jedenfalls wurde der Versuch beendet und in der Simon-Dach-Straße ist es genauso unerträglich wie vor dem Pantomimeneinsatz auch schon.

Zurück zur Sonntagstraße. Erträglich ist es dort – daher kommt wohl auch ihr Name – nur am frühen Sonntagmorgen. Wenn die Touristen noch im Hostel ausnüchtern und der Berliner Partypöbel in seine Randbezirke zurückgestampft ist legen sich Ruhe und Frieden wie ein leichter Mantel über das Areal. Ein Schlachtfeld am Tag nach der Kapitulation muss sich so anfühlen. Nur eben ohne das Erbrochene.


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