Kapitel 6: Beim Bäcker

Die Ignoranz des gemeinen Berliners manifestiert sich im Alltäglichen dadurch, dass rechtschaffene Menschen durch die persönlichen Befindlichkeiten anderer in ihrer Alltagsbewältigung aufgehalten werden. Beim Bäcker in Friedrichshain kann man dies jeden Sonntagmorgen durchleben: Wir denken hier an demonstrativ verschlafene Studentinnen in Stoffhosen und Sandalen, die beim Bäcker in Friedrichshain vor einem in der Schlange stehen und, wenn sie dann endlich an der Reihe sind, mit demonstrativ verschlafener Stimme irgendwelchen Dinkelmist ordern. Selbstverständlich nicht, ohne vorher auf die Auslage zu deuten und Sachen zu nölen wie „Und was bedeutet jetzt hier Kartoffelmehl?“. Man könnte bereits mit frischem Backwerk beim Frühstück sitzen, doch ist man gezwungen, wertvolle Zeit in der Bäckerschlange zu verbringen und mit anzuhören, dass „Kartoffelmehl“ hier bedeute, dass die Stücke unter Zugabe von Kartoffelmehl hergestellt worden seien. Ob sie ein Kartoffelmehl-Brötchen probehalber kaufen möchte, fragt der Bäckereiangestellte die demonstrativ verschlafene Studentin. „Nee, ich hab nur so gefragt“, nölt diese. Man wünscht ihr einen Zeck im Ohr. Wenn die demonstrativ verschlafene Studentin endlich passend gezahlt hat und von dannen geschlurft ist, kommt ein Idiot an die Reihe, der zu Hause keine Kaffeemaschine stehen hat. Er bestellt irgendeine Kreation mit Milch, deren Zubereitung eine halbe Stunde dauert. Wenn er sein bitteres Gesöff ausgehändigt bekommen und passend gezahlt hat, setzt sich der Idiot auf die Holzstühle vor dem Bäckerladen, schlägt die Beine übereinander und spielt mondänen Lebenswandel nach. Beim inspirierenden Kaffeegenuß hält er ein Capote-Buch vom Flohmarkt vor sein Gesicht. Nun ist nur noch eine junge Mutter mit Kind vor einem an der Reihe. Leider hat die junge Mutter keinerlei Durchsetzungsfähigkeit und fordert ihr Kind deshalb auf, die Backwaren für das Frühstück der jungen Familie auszusuchen. Die Zusammenstellung ist entsprechend grotesk. Und es hat ja auch seinen Grund, warum die Organisation der Lebensmittelversorgung in der Regel nicht Vierjährigen überlassen wird. Anders bei unserer jungen Familie: „Emil, du magst doch gar keine Laugenstangen!“ – „Doch!“ – „Emil, brauchen wir wirklich sieben Kartoffelmehlbrötchen? Überleg doch mal!“ – „Ich mag keine Kartoffeln!“. So geht das minutenlang. Und wenn Madame mit ihrem Emil-Gfrieß sich schließlich fast daran gemacht hat, endlich passend zu zahlen, sagt sie: „Ach, ich nehme noch das letzte Croissant hier mit!“. Auch ihr wünscht man einen Zeck. In jedem Ohr einen.