Kapitel 8: Günter Pfitzmann muss man sich dazu denken

Heute wollen wir über Sodbrennen sinnieren. Genauer gesagt über die in Berlin vollzogene und regelmäßig entsprechende Symptome verursachende Kulinarik. Wir hatten in Kapitel 5 bereits darauf hingewiesen, dass in dieser Stadt Esskultur gerne mit der übermäßigen Beigabe von Rucola simuliert wird. Der gallige Geschmack dieser Kuhnahrung übertüncht alle anderen Nuancen, so dass der Gast des jeweiligen Etablissements den tatsächlichen Zustand der Lebensmittel nicht durchzuschmecken vermag. Deswegen ein Hinweis für Berlin-Besucher: Wenn Ihnen irgendwo Gerichte mit Rucola aufgetischt werden, Finger weg! Oder gleich nach der Mahlzeit zum Drogisten und Magenpulver besorgt!

Die Berliner Gastronomielandschaft besteht ja in der Hauptsache aus Burger- und Pizzaläden, Dönerbuden, Chinapfanne-Anbietern und diesen merkwürdigen Aufbackläden an Bahnhöfen, in deren Umgebung es immer nach verbranntem Schinken riecht. Es gibt natürlich auch gute Restaurants in dieser Stadt. Welche das sind, wollen wir hier nicht verraten. Sonst gehen da künftig Touristen oder Rucola-Fresser hin und verderben alles. Weil man heutzutage auch im letzten Kaff aufgewärmte Pizzastücke oder mit minderwertigem Salat überladene Burger essen kann, dürfte sich eine präzisere Beschreibung hier erübrigen. Der Geschmack solcher Burger dürfte allgemein bekannt sein. Denken Sie sich einfach noch Rucola hinzu und Sie haben eine genaue Vorstellung von Berliner Alltagsgastronomie.

Berlin wäre nicht Berlin, gäbe es nicht auch in der Gastronomie kreative Feuerwerke. Wird zum Beispiel in irgendeinem Kleinrestaurant in Kreuzberg irgend etwas anderes als Kartoffeln frittiert, so gilt das als Innovation und wird mit einem Beitrag in der RBB-Abendschau gewürdigt. Einem dieser Regionalfernsehbeiträge, in denen der Reporter am Ende das Imbissgericht in die Kamera hält und sagt „Und ich lasse es mir jetzt schmecken! Und damit zurück ins Studio!“. Das sind die normalen, alltäglichen Beiträge. Werden jedoch an einer schmutzigen Fressbude die Kunden angeschnauzt und steht diese Bude zufällig in der Nähe des Kurfürstendamms, haben deren ungewaschene Inhaber eine sehr große Chance darauf, in einem Beitrag der RBB-Abendschau mit ihrem „Traditionsimbiss“ vorgestellt zu werden. In der Abendschau erzählen sie dann, dass Günter Pfitzmann oder sonst ein West-Berliner Weltstar schon 1985 an der Bude Wurst gegessen hat. Weil im Fernseharchiv gerade keine Aufnahmen zu finden waren, die Günter Pfitzmann beim Wurstessen zeigen, werden irgendwelche anderen Ausschnitte aus den 80er Jahren gezeigt, in denen Männer mit beigem Mantel und Hut Wurst essen. Günter Pfitzmann muss man sich halt dazu denken.
Haben Sie nun Lust auf Wurst bekommen? Auf eine echte Berliner Currywurst zum Beispiel? Da unsere schöne Internetseite hin und wieder auch dem Servicegedanken folgt, anbei ein exklusiv für die Leserschaft herausgesuchtes Berliner Originalrezept zum Nachkochen: Man nehme eine qualitätsarme, im Innern bleiche Bockwurst und brate sie sodann in altem Fett. Die notwendige Temperatur des Fettes wird optisch gemessen. Wenn es raucht, ist es zum Braten gerade recht. Beim Braten selbst gebe man Obacht, dass mindestens eine Seite der Bockwurst leicht verbrannt wird. Sollte sie aufplatzen ist das nicht von Tragik, denn sie wird nach dem Braten eh kleingeschnitten. Alsdann nehme man einen beschichteten Pappteller heran, richte die klein geschnittene Bockwurst lieblos darauf an und ertränke sie in verflüssigtem so genanntem Gewürz-Ketchup. Für die individuelle Note kann der so genannte Gewürzketchup noch mit Knoblauchpulver oder einem Universalwürzmittel angereichert werden. Die so arrangierte Bockwurst hernach mit einer sägemehlartigen, durchfallgelben Würzmischung großzügig bestäuben. Dazu werden feuchte Pommes frites gereicht. Guten Appetit!