Kapitel 9: Ewige Jugend

Um sich als ästhetisch interessierter Mensch einen Eindruck von der Phantasielosigkeit Berlins zu verschaffen, genügt ein Blick auf und in die mittlerweile zahlreich vorhandenen „Center“. Unlängst wurde an der Warschauer Straße ein neues eröffnet. Charakteristisch für die Berliner „Center“ ist, dass sie alle gleich aussehen. Immer gibt es im Keller einen Supermarkt, in irgendeiner Etage ist ein Elektronikfachhandel und der Rest der Läden verkauft Durchschnitts-Plunder für Touristen oder Durchschnitts-Kleidung für Berliner. Die in den „Centern“ vorhandenen gastronomischen Angebote beschränken sich zumeist auf Cafés, die zeitlos unmodern eingerichtet sind und auch in Hannover oder Donaueschingen in irgendeinem „Center“ vor sich hin langweilen könnten.

Die zeitgemäße Berliner Unart, in jedes neue Kapitalisten-„Quartier“ ein „Center“ reinzudonnern, erinnert in ihrer Provinzialität an die kleinstädtische Mode der 1990er Jahre, in jeder Fußgängerzone eine „Passage“ zu errichten. Dort gab es Geschenke- und Schreibwaren-Läden, ein chinesisches Restaurant und ein zeitlos unmodern eingerichtetes Café. Heute stehen viele kleinstädtische „Passagen“ zur Hälfte leer und der jeweilige Gemeinderat muss sich überlegen, wie er der weiteren Verödung der Fußgängerzone entgegenwirken kann. Wahrscheinlich liegt der Grund dafür, dass so viele „Passagen“ in den Kleinstädten halb leer stehen darin, dass viele Kleinstädter nach Berlin gezogen sind, um dort in den „Centern“ einzukaufen. Denn wer außer irgendwelcher Bauerntrampel würde sich denn in einem „Center“ eine Kunstlederjacke oder eine Kunstlederhandtasche kaufen? Etwas anderes gibt es da ja nicht. Außer dem unnützen Kram in diesen Ampelmännchen-Shops.

In jedem „Center“ gibt es blöde Brunnen, an denen ab dem späten Vormittag blöde Jugendliche rumsitzen. Anstatt in der Schule zu lernen oder einem sinnvollen Tagwerk nachzugehen, sitzen die Jugendlichen am Kaufhausbrunnen und glotzen. Oder sie reden dummes Zeug. Im Sommer essen sie Eis und im Winter Fastfood. Warum nur sitzen die Jugendlichen tagein tagaus am Brunnen, mag mancher fragen. Die Antwort ist, dass die Jugendlichen hoffen, dass irgendwann eine stark nach Parfüm riechende Frau am Brunnen vorbeikommt, die im Auftrag vom Kabelfernsehen nach zeitgenössischen Jugendlichen Ausschau hält. Diese Frau will sie für ein „Format“ des Kabelfernsehens gewinnen. „Format“ heißen beim Kabelfernsehen die immer ähnlich gestalteten Pseudodokumentationen über Jugendliche, die irgendwo wohnen und irgendeine Familie mit Problemen sowie irgendwelche Freunde mit Problemen haben. Und die sich mit ihren Freunden an irgendwelchen „Center“-Brunnen treffen, um sich über Probleme aufzuregen.

Natürlich kommt nie eine stark nach Parfüm riechende Frau vom Kabelfernsehen an den „Center“-Brunnen. Und so hocken die Jugendlichen Jahr um Jahr weiter dort, essen und haben Probleme. Irgendwann gerät das „Center“ in eine wirtschaftliche Schieflage, die Plunder-Läden verschwinden langsam, es ziehen 1-Euro-Läden ein und bald wieder aus. Und irgendwann steht das „Center“ düster und halb leer in der öden grauen Betonlandschaft. Nur am „Center“-Brunnen, da sitzen Jugendliche so wie eh und je. Und sie werden da auch noch sitzen, wenn das „Center“ gänzlich verfallen ist. Denn die Jugend lebt ewig.


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